Repertoire-Guide für Raumkomposition

Die folgende Übersicht führt Werke aus dem ASCOLTA-Programm, aus ICST-Residenzen und von der 3D AudioSpace-Plattform zusammen — geordnet nach den Analysekategorien aus Werkanalysen. Sie lässt sich zusammen mit der Räumlichen Analysevorlage als Ausgangspunkt für die eigene Hörpraxis nutzen.

Raumtransformation: Objekt → Feld

Philip Samartzis: Atmospheres & Disturbances (ICST Residency 2019 / ASCOLTA #5) verfolgt die Transformation von Feldaufnahmen vom Jungfraujoch in synthetische Klangfelder — das prototypische Beispiel der Dramaturgie aus Fallstudie A. Hans Tutschku: Remembering Japan, Teil 1 Immersion (ICST Residency 2022 / ASCOLTA #9) zeigt denselben Übergang in kompakterer Form; die vier übrigen Teile des Zyklus schliessen andere Raumstrategien ein. Youngjae Cho: cycle: incarnations – II. narthex (ICST Residency 2025 / ASCOLTA #19) arbeitet auf kleinerem Materialmassstab: Vertrautheit, Destabilisierung, akustische Wiederkehr. Cathy Lane: The River goes on (ICST Residency 2022 / ASCOLTA #5) löst Feldaufnahmen, Sprache und Archivmaterial in ein diffuses Gedächtnisfeld auf. Ágnes Máthé: Fluidum (3D AudioSpace) — alle Klangereignisse entstammen eigenen Wasseraufnahmen; Máthé platziert die Klänge bereits im frühesten Stadium in einen Raumkontext und lässt das räumliche Verhalten die formale Struktur bestimmen. Drei Teile (Ankunft — Erkundung — Entfaltung) folgen der Dramaturgie aus Fallstudie A: erster Teil klar abgegrenzt, zweiter und dritter treiben sich wechselseitig an — ein Modell für das Komponieren vom Raum her.

Räumlicher Kontrapunkt und Stimmtrennung

Mario Mary: Polyphonic Philosophy (ASCOLTA #11) ist explizit als „Melodie der Klangobjekte" und „Raumpolyphonie" auf der Horizontalen konzipiert. Marys Pedro en su laberinto (ebenfalls ASCOLTA #11) zeigt dieselbe Idee in verdichteter Form: multiple Trajektorien überlagern sich ohne je zu fusionieren. Juliana Herrero: FUGA N22 (3D AudioSpace) — fugale Stimmführung, inspiriert von John Cages imaginären Landschaften; „offene und geschlossene Linien in Dialog mit Raum und Zeit." Mesias Maiguashca: La Canción de la Tierra (ASCOLTA #8, ICST Residency 2018–2020) — Stimmtrennung durch timbrale Gruppenidentität: Andine Instrumente, Bläser, Chor und Klangobjekte als separate räumliche Gruppen über 14 Abschnitte. Nikos Stavropoulos: Karst Grotto (ICST Residency 2017/18 / ASCOLTA #7) und Khemenu (1. Preis ISAC-2023, gleiche Sitzung) — Pentagon-Konfiguration für räumliche Stimmtrennung; Khemenu zeigt die Technik in erweiterter formaler Architektur. Horacio Vaggione: Gymel II (ICST Residency 2015 / ASCOLTA #3) — Stimmtrennung durch Granularitätsdifferenz: acht Spuren, morphologische Figuren auf verschiedenen Detailebenen. Kim Hedås: Dense (3D AudioSpace, EMS — Elektronmusikstudion Stockholm 2017) — Klangobjekte, die wechselnd als Polyphonie oder als Textur hörbar sind; direkter Hörkontakt mit dem Schwellenwert zwischen beiden.

Einhüllung, Tiefe und spektraler Raum

Natasha Barrett: Prince Prospero’s Party (ICST Residency 2005 / ASCOLTA #10) — eines der ersten Werke in HOA 2. Ordnung — inszeniert Tiefenstratifikation zwischen Vordergrund-Objekten und diffusem Raumfeld deutlich hörbar. Barretts Glass Eye (7. Ordnung HOA, Ultima 2024) und Kernel Expansion (5. Ordnung), beide auf 3D AudioSpace verfügbar, setzen spektralen Raum als eigenständiges kompositorisches Material ein. Jonathan Harvey: Mortuos plango, vivos voco (ASCOLTA #4, 8-Spur, 1980) — Stimme und Glockenpartial; spektrale Transformation als räumliches Formprinzip, ein Standardreferenzwerk. Zbigniew Karkowski: No name (ASCOLTA #6, ICST-Studio 2008) — mikrostrukturiertes Noise mit maximaler LEV; demonstriert Einhüllung durch Reflexionsdichte ohne Lokalisation. Nandele Maguni: Kampfumo (ICST Residency 2025 / ASCOLTA #19) verdichtet Feldaufnahmen aus Maputo zu einer akusmatischen Topographie; Distanz als soziale, nicht nur physikalische Dimension.

Historische Referenzwerke und Formatvergleich

Für Analysen, die die Entwicklungsgeschichte des räumlichen Komponierens einbeziehen wollen, bieten die Listening Twice-Sessions ein besonderes Angebot: ASCOLTA #13, #14 und #15 präsentieren Werke in mehreren Formaten (Stereo, 5.1, UHJ, HOA). Das ermöglicht direkte Vergleichsanalysen — was geht durch die Reduktion verloren, was wird durch die Raumdimension erst möglich? Jean-Claude Risset: Resonant Sound Spaces (ASCOLTA #4) und Gerald Bennetts Werkportrait (ASCOLTA #2) geben Einblick in die Entwicklung elektroakustischer Raumkomposition von den 1980er bis 2000er Jahren.

Für weitergehendes Online-Hören ohne spezialisierten Wiedergaberaum empfiehlt sich die 3D AudioSpace-Plattform von Sounding Future, die Werke in binaural gerendertem HOA-Format zugänglich macht — darunter aktuelle Wettbewerbsbeiträge (SMC 2025, ISAC) und kuratorisch zusammengestellte Kollektionen.